Illustration digital fairness, colorful elements like magnifying glass, phone, chain, cursor.
Warum die „Pervert Glasses“ zu Recht geächtet werden

„Protest like nobody is watching!“

„Es ist schwer, sich eine Welt in einigen Jahren vorzustellen, in der die meisten Brillen, die die Menschen tragen, keine KI-Brillen sind“, verkündete kürzlich Meta-Gründer Mark Zuckerberg. Sieben Millionen Exemplare seiner KI-Brille „Glasses“ will Meta allein im letzten Jahr verkauft haben. Auf der Produktseite lachen einen bebrillte normschöne Menschen an. Die Use-Cases klingen trivial: Musik hören, telefonieren, private Schnappschüsse. Hinzu kommen Features wie Echtzeit-Übersetzung und KI-Suche. So weit, so praktisch?

Dass Meta auf Synergien mit den hauseigenen Social-Media-Plattformen hofft, liegt auf der Hand. Im Rahmen einer groß angelegten Kampagne werben derzeit diverse Promis für das Produkt. Eine Influencerin schwärmt beim Unboxing, ihren Sohn nun noch einfacher filmen zu können. Ich ahne, dass die unscheinbare Brille die Debatte, ob der Einjährige überhaupt Content sein möchte, hinauszögern dürfte. Denn im Gegensatz zum Vorgänger aus dem Hause Google, dessen klobige Kamera zu Vergleichen mit dem „Terminator“ anregte, setzt Meta auf zwei dezent gehaltene Kameralinsen am Brillenrand. Eine Kooperation mit der etablierten Marke Ray-Ban tut ihr Übriges, damit die Gestelle unauffällig daherkommen. Bei Aufnahmen leuchtet zwar ein kleines Lämpchen auf, doch das Netz ist voll von Anleitungen zur Umgehung der Maßnahme. Der „Hack“ gegen das neueste Security-Update aus dem Hause Meta, welches dem Einhalt gebieten soll: Ein Aufkleber für 2 US-Dollar.

Das hat gravierende Folgen. Seit die Manosphere das Produkt für sich entdeckt hat, wurden unzählige Videos hochgeladen, in denen Frauen heimlich gefilmt und vorgeführt werden. Die Kopfneigung des Filmenden zeigt unmissverständlich, welche Körperpartien dabei taxiert werden. Hinzu kommen „Pranks“, die teils auch auf ältere Menschen abzielen, die wahrscheinlich nicht im Traum auf die Idee kämen, dass sie gerade von einer Brille gefilmt werden. Unter den Videos, die manchmal hunderttausende Aufrufe generieren, sammeln sich unzählige gehässige Kommentare. Zwar verkündete Meta erst kürzlich, man werde solchen Content von den hauseigenen Plattformen verbannen. Doch Suchanfragen fördern nach wie vor entsprechenden Content zutage. Zudem stehen den Tätern unzählige weitere digitale Kanäle zur Verfügung, um ihr „Game“ weiterhin ungestört zu betreiben.

„So kann man einfach den Moment genießen – mit erhobenem Kopf und freien Händen”, schwärmt Alex Himel, Vizepräsident bei Meta Wearables. Ich bezweifle, dass Frauen ähnlich fühlen, wenn in der Disco oder im Gym die Blicke seiner Kunden auffällig lange auf ihnen Körpern verweilen. Des einen Freiheit wird so zum Kontrollverlust für den Rest. Allein die Möglichkeit, einer Online-Meute zum Fraß vorgeworfen oder als *****-Vorlage benutzt zu werden, zieht fundamentales Unwohlsein nach sich. Die Sorge vor heimlicher Überwachung und ihren Konsequenzen führt so zu Verhaltensanpassungen, sogenannten „chilling effects“. Im Netz kursierende Spitznamen der Brille – „Pervert Glasses“, „Predator Glasses“ oder „Stalker Glasses“ – zeugen von einem erheblichen Unwohlsein. Und es gibt gute Gründe, warum insbesondere Feministinnen sich massiv gegen die Normalisierung derartiger Produkte stemmen. Auch ich kneife nun manchmal meine kurzsichtigen Augen zusammen, wenn mir im Freibad ein Kerl mit schwarzer Ray-Ban entgegenkommt. Es wirkt wie die Fortsetzung patriarchaler Anspruchshaltung und Raumnahme mit neuen technischen Mitteln.

Fehlende Repräsentation der heterogenen Gesellschaft im Silicon Valley in Kombination mit mangelndem Regulierungswillen von Regierungen drückt Betroffenen seit geraumer Zeit massive negative Externalitäten auf. Influencerinnen raten mittlerweile dazu, bei unerwünschten Aufnahmen Disney-Songs anzustimmen – in der Hoffnung beim Upload einen Takedown wegen Urheberrechtsverletzungen zu provozieren. Das dürfte zwar in der Regel nicht helfen, macht aber deutlich, wie wenig man bei der Problemlösung auf Meta vertraut. Es fällt eben schwer, an die hehren Absichten eines Konzernchef zu glauben, der einst eine Plattform baute, wo Nutzende anhand von – ohne ihre Einwilligung verwendeten – Fotos über die Attraktivität von Kommilitoninnen abstimmen konnten. Der mit Meta assoziierte Leitsatz „Move fast and break things“ degradiert das aus Entwickler- und Investorensicht „Andere“ allzu oft zum lästigen Kollateralschaden. Opfer, die man bereit sein muss zu erbringen – im Dienste der Gewinnmaximierung. Das gilt für AI-Nude-Deepfakes. Das gilt für KIs, die Bewerberinnen aufgrund von verzerrten Trainigsdaten zu geringeren Gehaltsforderungen raten. Und auch Fotodienste, die schwarze Menschen für „Gorillas“ halten. Viele kleine, aber auch große Entscheidungen, die das Leben von Milliarden Menschen beeinflussen. Gewinne werden privatisiert, während die auf Nutzende und Gesellschaft abgewälzten Schäden als Kinderkrankheiten abgetan werden. Wer kritisiert, behindert den Fortschritt.

Kylie Jenner hat im Rahmen der Meta-Glasses-Kampagne kürzlich ein eigenes Modell präsentiert. Die Milliardärin besitzt mehrere Anwesen mit großen Gärten, hohen Zäunen und Wachpersonal. Menschen wie sie brauchen sich nicht zu sorgen, beim Workout im Gym von Fremden mit Meta Glasses gefilmt zu werden. Denn zur Ausstattung einer durchschnittlichen Milliardärsvilla gehören eigene Pools, Tennisplätze sowie diverse weitere Fitnessmöglichkeiten. Auch Mark Zuckerberg muss keine Angst haben, dass seine drei Töchter heimlich beim Herumtoben gefilmt werden. Der Mann, der seit den 2010ern nicht müde wird, der Welt zu erklären, die alte Norm von Privatheit sei überholt, kauft seit Jahren systematisch an sein Anwesen angrenzende Grundstücke auf.

Technisch wäre es schon lange machbar, dass Freunde sich eine GoPro-Kamera auf den Kopf schnallen und damit tagtäglich im Dienste der Content-Generierung uns und die Welt ungefragt filmen. Soziale Normen haben dies verhindert. Soziale Normen, die aus gutem Grund bestehen und an deren Sinn womöglich selbst Zuckerberg insgeheim glaubt. Es waren eben diese Normen, die vor rund zehn Jahren das Ende von „Google Glass“ besiegelten. Weil sie eben nicht trotz, sondern wegen der Digitalisierung umso mehr bedeuten. Wer will schließlich schon ein „Glasshole“ – so wurden die Träger damals geschmäht – beim Kindergeburtstag haben?

Ehrlich, ich möchte mir keine Zukunft vorstellen, in der die Mehrheit der im öffentlichen Raum getragenen Brillen „smart“ ist. Nicht nur, weil ich nicht möchte, dass Brillenträger im Freibad bei mir die unangenehme Art von Gänsehaus auslösen und ich mir keinen Privat-Pool leisten kann. Es geht hier vielmehr um zentrale gesellschaftliche Fragen von Macht und Kontrolle, die sich heute in solchen vermeintlich isolierten Beispielen im Verbraucher*innenschutz zeigen. Im Kern wird hier die Normalisierung einer Art von Überwachung verhandelt, die in Zukunft noch ganz andere Probleme mit sich bringen dürfte. Recherchen haben kürzlich aufgedeckt, dass der Code der Meta Glasses zwischenzeitlich Software zur Gesichtserkennung enthielt. Der Konzern entfernte das nicht scharfgeschaltete „Feature“ erst nach öffentlicher Kritik. In Indien werden vergleichbare Technologien bereits von Sicherheitskräften eingesetzt. „Direkte Palantir-Schnittstelle – wann?“, fragte mich kürzlich ein Follower. Ich hoffe ehrlich gesagt nie.

Über die Autorin

Portrait Katharina Nocun
Katharina Nocun ist Publizistin, Podcasterin und hat Politik- und Wirtschaftswissenschaften in Münster und Hamburg studiert. In ihrer Arbeit setzt sie sich mit dem Spannungsfeld Digitalisierung und Demokratie auseinander. Bisher erschienen von ihr folgende Bücher: „Die Daten, die ich rief“, „Fake Facts“, „True Facts“ und „Gefährlicher Glaube“. Für ihre publizistische Tätigkeit wurde Nocun 2017 mit dem Marburger Leuchtfeuer und 2023 mit dem Madsack Award ausgezeichnet.
CC BY Gordon Welters