Ob diskriminierende Algorithmen in Bewerbungsverfahren oder unterschiedliche Preise beim Online-Shopping: Der digitale Raum ist von vielen Machtgefällen durchzogen, die mal mehr, mal weniger sichtbar sind. Doch digitale Fairness sollte nicht erst auf dem Bildschirm von Nutzer*innen beginnen, sondern global gedacht werden und bereits an den Produktionsketten hinter unseren Technologien ansetzen.
Von der Datenarbeiterin in Kenia, die Texte für das Training von Sprachmodellen bewertet, bis zum Content Moderator in den Philippinen, der toxische Inhalte von Social-Media-Plattformen entfernt: Aktuelle digitale Technologien beruhen maßgeblich auf verbilligter Arbeitskraft in Ländern des Globalen Südens. Ihre prekären Arbeitsbedingen werden durch digitale Technologien zunehmend verschärft. Die Verbreitung von KI-Coding-Tools erhöht etwa den Druck auf Tech-Worker in Indien, wo jüngste Entlassungswellen steigende Überforderung und Suizide auslöste.
Die Frage nach digitaler Fairness stellt sich auch im Hinblick auf Rohstoffe und Ökosysteme. Seltene Erden, die benötigt werden, um technische Hardware herzustellen, werden unter menschenunwürdigen Bedingungen und enormer Umweltbelastung in Regionen wie Rubaya im Kongo abgebaut. Werden technische Geräte nach wenigen Jahren ausrangiert, landen sie als Elektroschrott an Orten wie Agbogbloshie in Ghana, mit schwerwiegenden Folgen für die Gesundheit der Menschen und Ökosysteme. Währenddessen kämpfen Communities in der chilenischen Hauptstadt um ihre Wasserversorgung, die durch den Bau gigantischer Rechenzentren bedroht wird.
Klar ist: Die Kosten und Nutzen digitaler Technologien sind weltweit enorm ungleich verteilt. Während Ländern des Globalen Südens ein Übermaß der Nachteile und Risiken erleben, landen Profite vorwiegend in westlichen Ländern.
Diese ungleich verteilte Belastung ist kein Zufall. Sie verläuft entlang globaler Machtasymmetrien, die auf tief verwurzelten kolonialen Abhängigkeiten beruhen. Länder des Globalen Südens sind seit Jahrhunderten in der Rolle gefangen, verbilligte Rohstoffe und Arbeitskraft für westlichen Konsum bereitzustellen. Und obwohl im 20. Jahrhundert dekoloniale Widerstandskämpfe viele Staaten zu formaler Unabhängigkeit führen konnten, sind sie weiterhin wirtschaftlicher Ausbeutung ausgeliefert. Etwa durch Strukturanpassungsprogramme der Weltbank und des Internationalen Währungsfonds, die Produktion auf Export zementierten und dadurch verhinderten, dass Länder ihre Kapazitäten für die Bedürfnisse der eigenen Bevölkerung nutzen. So festigte sich über die Zeit die Konstellation, die wir heute erleben: Ein Großteil der Länder der Welt ist darauf angewiesen, Güter zu gedrückten Marktpreisen für westlichen Konsum zu produzieren. Sie müssen ihre Arbeitskraft, Rohstoffe und Ökosysteme günstig zur Verfügung zu stellen, während Patente und Monopolstellungen die Profite und Hegemonie von Industrienationen sichern.
Das besonders Zynische: Digitale Technologien wie KI werden dabei oft als Lösungswege angepriesen, um sich aus der Rolle der Abhängigkeit zu befreien. Neueste Digitaltechnologie soll der Weg sein, um Produktivität zu erhöhen, Wohlstand zu sichern und endlich „ganz vorne“ mitzumischen.
Doch der Weg zu einer fairen digitalen Weltwirtschaft ist keine Frage einer schnelleren Einführung neuer Technologien, geschweige denn von optimierten Marktbedingungen. Um Fairness und Existenz in Würde zu erreichen, müssen jene historisch gewachsenen Abhängigkeiten durchbrochen werden. Dafür ist es entscheidend, globale Produktion zu „entkoppeln“ – ein Prozess, der im Englischen als Delinking besprochen wird. Anstatt die Ressourcen und Kapazitäten für den Export von Konsumgütern einzusetzen, können Länder sie nutzen, um Bedürfnisse der eigenen Bevölkerung zu erfüllen.
Mit etwas Glück könnte eine digital fairere Zukunft in ein paar Jahrzehnten beispielsweise so aussehen: Länder der Subsahara schließen sich zu einem starken regionalen Block zusammen, um der Abhängigkeit von verbilligten Exporten und teuren westlichen Importen zu entkommen. Gemeinsam entwickeln sie technische Geräte für Schulen und Krankenhäuser, zu denen jedes Land eigene Komponenten beisteuert – auf Augenhöhe und ohne einzelne Produktionsschritte systematisch abzuwerten. Ihre zahlreichen Rohstoffquellen wurden unter demokratische Kontrolle gebracht und folgen strikten Abbauquoten, die nur das Notwendigste gestatten, um Ökosysteme nicht übermäßig zu belasten. Ein Großteil der Tech-Arbeit, von Kundensupport bis zur Softwareentwicklung, findet in Kooperativen statt, die faire Löhne und sichere Arbeitsbedingungen gewährleisten. Über dezentrale Open-Source Plattformen organisieren Communities die Verwertung von Rohstoffen aus alten technischen Geräten und führen sie zurück in Produktionszyklen.
Der Weg dahin wird nicht leicht. Das aktuelle System setzt diverse Hürden, die einen selbstbestimmteren Umgang mit ihren Ressourcen verhindern. Widerstand wird scharf geahndet, teilweise sogar mit militärischer Intervention, wie die Geschichte im Fall von Guatemala oder Burkina Faso zeigt.
Trotz der Herausforderungen lohnt es sich, dafür zu kämpfen. Denn in dieser Transformation geht es um weit mehr als nur wirtschaftlich fairere Bedingungen. Sie ist auch unsere Chance, um ökologisch zukunftsfähig zu sein. In Zeiten von Überkonsum und Klimakrise ist digitale Fairness nicht nur ein wohltätiger Anspruch, sondern die Voraussetzung für eine gemeinsame lebenswerte Zukunft auf unserem Planeten.
Über die Autorin
Annemarie Witschas ist wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Forschungsgruppe Ethik und kritische Theorien der KI an der Universität Osnabrück. Ihre Arbeit beschäftigt sich kritisch mit Macht und Mitgestaltung im Kontext von KI, und widmet sich insbesondere feministischen, emanzipatorischen und ökologischen Perspektiven.